Overthinking beginnt nicht mit Stress. Es beginnt mit Anspruch.
Mit dem Wunsch, zuverlässig zu sein. Mit dem Bedürfnis, nichts falsch zu machen. Mit der Hoffnung, gesehen zu werden, ohne angreifbar zu wirken. Im Arbeitsalltag fühlt sich Overthinking lange nicht wie ein Problem an. Es fühlt sich wie Verantwortung an.
Ich denke über Aufgaben nach, bevor ich sie beginne. Ich denke über sie nach, während ich sie erledige. Und ich denke über sie nach, wenn sie längst abgeschlossen sind.
Nicht, weil ich sie verbessern kann.
Sondern weil mein Kopf nicht aufhört, sie zu überprüfen.
Ich lese Mails, die ich schon abgeschickt habe. Ich überprüfe Tonfall, Wirkung, mögliche Interpretationen. Ich stelle mir vor, wie der Empfänger sie liest. In welcher Stimmung. Mit welchem Blick. Mit welchem Urteil.
Ich denke über Präsentationen nach, noch bevor jemand reagiert. Ich denke über Reaktionen nach, die vielleicht nie kommen. Ich denke über Fragen nach, die niemand stellt.
Overthinking erzeugt Szenarien. Keine realen. Sondern mögliche. Und mögliche fühlen sich oft gefährlicher an als echte.
Im Meeting bin ich anwesend. Und gleichzeitig in meinem Kopf. Ich höre zu. Und gleichzeitig bewerte ich mich. Meine Haltung. Meine Stimme. Meine Wortwahl. Meine Pausen.
Ich bin da. Und doch nie ganz.
Overthinking macht mich aufmerksam. Aber es macht mich nicht ruhig. Es macht mich kontrolliert. Aber nicht frei. Es lässt mich funktionieren. Aber nicht ankommen.
Nach außen wirke ich souverän. Nach innen bin ich oft angespannt. Nicht wegen der Aufgaben. Sondern wegen der ständigen inneren Begleitung jeder Handlung.
Ich denke darüber nach, ob ich zu wenig gesagt habe. Oder zu viel. Ob ich zu direkt war. Oder zu vorsichtig. Ob ich professionell war. Oder unsicher.
Und während andere vielleicht längst weitergehen, bleibe ich noch stehen. In Gedanken. In Rückblicken. In Varianten.
Overthinking verlängert jeden Moment.
Nicht, um ihn besser zu machen.
Sondern um ihn nicht loslassen zu müssen.
Ich nehme Arbeit mit nach Hause, ohne sie physisch mitzunehmen. Sie liegt nicht auf meinem Tisch. Sie liegt in meinem Kopf. Und manchmal fühlt sie sich dort schwerer an als jede echte Aufgabe.
Ich bin müde, obwohl ich nichts mehr tue.
Weil mein Denken nicht aufhört zu tun.
Vielleicht ist Overthinking im Arbeitsalltag genau deshalb so gefährlich. Weil es leise ist. Weil es nicht sichtbar ist. Weil es keinen Kalendertermin hat. Und trotzdem jede freie Minute besetzt.
Ich bin nicht erschöpft von Arbeit.
Ich bin erschöpft von Bewertung.
Von Selbstbeobachtung.
Von Selbstkorrektur.
Von innerem Dauerdialog.
Und manchmal frage ich mich, wie sich Arbeit anfühlen würde, wenn ich mich nicht ständig selbst begleiten müsste. Wenn ich einfach handeln dürfte, ohne es innerlich noch einmal zu erklären. Wenn ich Fehler nicht sofort als Spiegel meiner Person sehen würde.
Vielleicht ist Overthinking kein Denkproblem. Vielleicht ist es ein Vertrauensproblem. Vertrauen in mich. In meine Wirkung. In meine Unvollkommenheit.
Vielleicht darf Arbeit wieder ein Ort werden, an dem ich etwas tue.
Und nicht ein Ort, an dem ich mich ständig bewerte.
Vielleicht darf mein Kopf lernen, dass nicht jede Entscheidung kontrolliert werden muss. Und mein Herz, dass nicht jede Unsicherheit ein Risiko ist.
Overthinking im Arbeitsalltag bedeutet nicht, dass ich zu viel denke.
Es bedeutet oft nur, dass ich mir selbst zu wenig erlaube.
Und vielleicht beginnt Veränderung nicht im Kalender.
Nicht in der To-do-Liste.
Nicht im System.
Sondern in der Art, wie ich mir selbst im Stillen begegne.
Mit weniger Druck.
Mit weniger Kontrolle.
Mit mehr Menschlichkeit.