Über Mobbing, Selbstfindung und den Mut, sich selbst treu zu bleiben
Es gibt Geschichten, die wir lesen. Und es gibt Geschichten, die uns finden, genau dann, wenn wir uns selbst verloren fühlen.
Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ ist eine davon.
Nicht, weil sie von Drachen, Glücksdrachen oder fremden Welten erzählt –
sondern weil sie im Kern die Geschichte eines Kindes ist, das in der realen Welt keinen sicheren Platz findet.
Bastian Balthasar Bux ist kein Held im klassischen Sinn (sein eigener wie man später liest).
Er ist sensibel. Still. Anders.
Und genau das macht ihn angreifbar.
In der Schule wird er gemobbt, ausgelacht, nicht gesehen.
Eine Welt, die laut ist, hart, überfordernd – und die ihm täglich das Gefühl gibt: Du bist falsch.
Viele Kinder kennen dieses Gefühl.
Und viele Erwachsene tragen es noch immer in sich.
Wenn Worte Wunden werden
Mobbing ist kein „Kinderkram“.
Es ist eine tiefe Verletzung der Identität.
Ein Kind, das dauerhaft ausgegrenzt oder abgewertet wird, beginnt nicht nur an sich zu zweifeln –
es beginnt, sich selbst infrage zu stellen.
Bin ich zu viel?
Bin ich nicht genug?
Warum bin ich anders?
Diese Fragen graben sich leise ins Herz.
Und oft entstehen daraus Schutzmechanismen: Rückzug, Anpassung, Perfektionismus oder das vollständige Verstummen der eigenen Bedürfnisse.
Auch Bastian flieht.
Nicht, weil er schwach ist –
sondern weil seine Seele einen Ort sucht, an dem sie atmen darf.
Phantásien – die innere Welt als Rettungsraum
Als Bastian das Buch öffnet, betritt er Phantásien.
Ein Reich, das aus Fantasie geboren ist –
und genau deshalb überlebenswichtig.
Denn Fantasie ist kein Weglaufen.
Sie ist ein innerer Schutzraum.
Ein Ort, an dem ein Kind wieder fühlen darf: Ich bin wirksam. Ich bin wichtig. Ich bin gesehen.
Doch Michael Ende erzählt diese Geschichte ehrlich.
Phantásien zerfällt, weil die Menschen aufgehört haben zu träumen.
So wie auch ein Kind innerlich zerfällt, wenn es dauerhaft glaubt, nichts wert zu sein.
Und dann kommt dieser entscheidende Moment:
Bastian erkennt, dass er selbst gebraucht wird.
Nicht angepasst. Nicht versteckt.
Sondern genauso, wie er ist.
Die wichtigste Erkenntnis: Die anderen bin nicht ich
Was diese Geschichte so heilsam macht, ist nicht der Zauber –
sondern die Erkenntnis dahinter:
Die Urteile der anderen sind nicht meine Wahrheit.
Die Ängste der anderen gehören nicht mir.
Das, was sie über mich sagen, sagt oft mehr über sie aus als über mich.
Das ist eine der wichtigsten Lektionen für Kinder –
und eine der schwersten für Erwachsene, die sie nie gelernt haben.
Bastian lernt, dass er seine innere Welt gestalten darf.
Dass er wählen kann, wie viel Macht das Außen über ihn bekommt.
Dass Selbstbewusstsein nicht bedeutet, laut zu sein –
sondern sich selbst treu zu bleiben.
Was Mobbing mit einem Kind macht
Das Selbstwertgefühl erschüttern
Vertrauen in andere zerstören
Die Verbindung zum eigenen Gefühl unterbrechen
Heilung beginnt dort, wo ein Kind – oder ein Erwachsener – lernt:
Ich bin nicht das, was mir widerfahren ist.
Ich darf meine Welt von innen heraus gestalten.
Ich darf mich schützen, ohne mich zu verschließen.
Genau hier wird die Geschichte von Bastian zur Lebensmetapher.
Denn am Ende kehrt er zurück –
nicht, um jemand anderes zu sein,
sondern um sich selbst wiederzufinden.
Die unendliche Geschichte geht weiter – in uns
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft, die wir weitergeben dürfen –
unseren Kindern und uns selbst:
Dass wir nicht dafür da sind, uns der Grausamkeit der Welt anzupassen.
Sondern, dass wir lernen dürfen, unsere innere Welt so stark zu machen,
dass sie uns trägt – egal, was im Außen geschieht.
Denn wenn wir aufhören, uns über die Augen anderer zu definieren,
beginnt Selbstbewusstsein.
Wenn wir erkennen: Die anderen sind nicht ich,
beginnt Freiheit.
Und vielleicht ist genau das die wahre unendliche Geschichte:
Dass wir immer wieder neu lernen dürfen,
uns selbst zu wählen.
Für dich, der das liest:
Du bist nicht falsch.
Du bist nicht zu viel.
Und du musst dich nicht verlieren, um dazuzugehören.
Deine innere Welt ist kein Fluchtort.
Sie ist deine Kraftquelle.
Und sie darf schön sein.
Ganz unabhängig davon, wie laut oder verletzend das Außen manchmal ist.