Donnerstag, Februar 5, 2026
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Ich denke nicht, um zu verstehen

„Ich denke nicht mehr nach, um zu verstehen. Ich denke nach, um nicht fühlen zu müssen – und fühle am Ende trotzdem alles.“

Overthinking klingt harmlos. Fast modern. Wie ein Wort für Menschen, die besonders reflektiert sind. In Wahrheit ist es oft nur ein anderes Wort für Angst in Gedankenform.

Ich denke zu viel. Nicht, weil ich besonders klug bin. Sondern weil mein Kopf gelernt hat, Gefühle zu überdecken. Overthinking ist kein Zeichen von Tiefe. Es ist ein Schutzmechanismus. Einer, der leise arbeitet. Einer, der nicht schreit, sondern flüstert.

Ich zerdenke Gespräche. Ich rekonstruiere Momente. Ich analysiere Pausen, Betonungen, Blicke. Nicht, um Klarheit zu finden. Sondern um Distanz zu schaffen. Zwischen mir und dem, was ich eigentlich fühle.

Denn Fühlen ist unberechenbar.
Overthinking ist kontrollierbar.

Zumindest fühlt es sich so an.

Doch während ich denke, wächst etwas anderes. Müdigkeit. Innere Unruhe. Ein leises Ziehen, das sich nicht wegargumentieren lässt. Overthinking macht Gefühle nicht kleiner. Es macht sie nur komplizierter.

Ich kann mir erklären, warum ich traurig bin.
Ich kann mir erklären, warum ich jemanden vermisse.
Ich kann mir erklären, warum etwas vorbei ist.

Aber keine dieser Erklärungen ersetzt das Gefühl.

Vielleicht ist Overthinking nicht mein Problem. Vielleicht ist es nur mein Versuch, mich nicht berühren zu lassen. Mein Versuch, das Herz leiser zu drehen, indem ich den Kopf lauter stelle.

Doch Gefühle lassen sich nicht übertönen. Sie warten. Sie sammeln sich. Und irgendwann stehen sie genau dort, wo ich sie am wenigsten haben will. In der Stille. Wenn das Denken kurz pausiert.

Ich denke nicht, um zu verstehen.
Ich denke, um nicht fühlen zu müssen.

Und trotzdem fühle ich alles.

Vielleicht liegt die Wahrheit nicht im Aufhören zu denken. Sondern im Erkennen, warum ich denke. Vielleicht darf Overthinking kein Feind sein, sondern ein Hinweis. Auf das, was ich mir selbst nicht erlaube zu spüren.

Ich habe gelernt, kontrolliert zu wirken. Reflektiert. Stabil. Doch Overthinking ist kein Zeichen von Stärke. Es ist oft nur ein leiser Beweis dafür, dass etwas in mir gesehen werden möchte.

Vielleicht ist der mutigste Moment nicht der, in dem ich alles verstehe. Sondern der, in dem ich aufhöre, mich vor meinen eigenen Gefühlen zu verstecken.

Denn am Ende bleibt nicht, was ich analysiert habe.
Am Ende bleibt, was ich gefühlt habe.

Und vielleicht beginnt genau dort der Punkt, an dem Denken nicht mehr schützt.
Sondern Platz macht.

Für Ehrlichkeit.
Für Verletzlichkeit.
Für mich.

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